Parks und Gärten in China
Warum gilt die Gartenkunst des Landes als eigene Disziplin?
Was macht einen chinesischen Garten zu einem Kunstwerk und nicht nur zu einer Grünfläche? Die Antwort liegt in einem jahrhundertealten Zusammenspiel aus Landschaftsmalerei, Philosophie und Handwerkskunst, das sich bis heute in ganz unterschiedlichen Formen durch das Land zieht – von winzigen Gelehrtengärten in Suzhou über die schier endlosen Kaisergärten Pekings bis zu den Teehäusern in den Parks Chengdus. China verfügt über eine der reichsten Gartentraditionen der Welt, und praktisch jede größere Stadt bietet eine beeindruckende Auswahl an Parkanlagen. Nur wenige davon aber gelten als eigenständige Kunstform im engeren Sinne – der Rest sind, bei aller Schönheit, ganz einfach gute, funktionierende Stadtparks. Dieser Unterschied lohnt einen genaueren Blick.
Mehr als Grünflächen: die Philosophie hinter dem chinesischen Garten
Ein zentrales Gestaltungsprinzip der klassischen chinesischen Gartenkunst ist das Konzept der „geliehenen Landschaft" (借景, jièjǐng): Ein fernes Bergpanorama, eine Pagode am Horizont oder ein Baum jenseits der Gartenmauer wird bewusst in die Blickachse eingebunden, sodass der Garten größer und tiefer wirkt, als er tatsächlich ist. Die Anlage folgt dabei nicht geometrischen Rastern wie viele europäische Gärten, sondern der Ästhetik der klassischen Landschaftsmalerei: Wasser, Fels, Pavillon, Weg und Vegetation werden so kombiniert, dass beim Durchschreiten des Gartens immer neue, bildhafte Ausblicke entstehen. Dahinter steht die philosophische Idee der Harmonie zwischen Himmel, Mensch und Natur (天人合一) – der Garten als begehbares Gemälde, in dem sich diese Einheit erfahren lässt.
Jiangnan: die Wiege der klassischen Gartenkunst
Wenn von chinesischer Gartenkunst im klassischen Sinne die Rede ist, führt der Weg fast zwangsläufig in die Region Jiangnan, südlich des Unterlaufs des Jangtse. Neun Gärten in Suzhou wurden 1997 und 2000 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt, um die Gartenkunst im Suzhou-Stil zu repräsentieren – darunter der Zhuozheng-Garten (Garten des bescheidenen Beamten), der Liu-Garten und der Wangshi-Garten. Diese Gartenensembles aus Gebäuden, Felsformationen, Kalligrafie und kunsthandwerklichen Objekten gelten als Ausdruck der künstlerischen Höchstleistungen der Region am östlichen Jangtse-Delta und verkörpern im Kern die traditionelle chinesische Kultur. Wer heute durch die engen Gassen Suzhous schlendert, trifft dabei zunehmend auf junge Chinesinnen und Chinesen im Hanfu, dem traditionellen Gewand – ein Trend, der die Gärten als Fotokulisse für die eigene, ganz persönliche Zeitreise nutzt und zeigt, wie lebendig diese „Kunstform" bis heute geblieben ist.
Nicht weit von Suzhou entfernt liegt Yangzhou, ein zweites, oft unterschätztes Zentrum der Gartenkunst. Anders als die introvertierten, kleinteiligen Gelehrtengärten Suzhous sind die Gärten Yangzhous geräumiger angelegt und verbinden natürliche Landschaftselemente mit von Menschenhand geschaffenen Strukturen – ein Erbe der wohlhabenden Salzhändler, die hier im 18. Jahrhundert ihren Geschmack demonstrierten. Der Ge-Garten etwa wurde 1818 von dem Salzhändler Huang Zhiyun errichtet, der über sechzig verschiedene Bambusarten auf dem Gelände anpflanzen ließ – eine Anspielung auf seinen Namen, denn das Schriftzeichen „Ge" ähnelt zwei Bambusblättern. Am Schlanken Westsee wiederum ranken sich zahlreiche Anekdoten um Kaiser Qianlong, der die Anlage im 18. Jahrhundert mehrfach besuchte – ein Beleg dafür, wie eng Gartenkunst, Handel und kaiserlicher Besuch in dieser Region miteinander verwoben waren.
Kaiserliche Dimensionen: Gärten als Ausdruck von Macht
Ganz anders fällt der Maßstab in Peking und Chengde aus. Der Sommerpalast in Peking zählt zu den bekanntesten Beispielen kaiserlicher Gartenkunst und steht seit 1998 auf der UNESCO-Welterbeliste – wer ihn besucht, versteht schnell, warum: Der Kunming-See und der weitläufige Lange Gang lassen sich an einem Vormittag kaum vollständig erschließen, so großzügig ist die Anlage dimensioniert. Dieser weitläufige Kaisergarten ist Teil unserer Reise „Chinas spektakuläre Schätze", bei der Sie ihn im Rahmen der China-Rundreise selbst erleben.
UNESCO
Noch größer fällt der Maßstab in Chengde aus, rund 230 Kilometer nordöstlich von Peking. Der dortige Bergresort (Bishu Shanzhuang) gilt als der weltweit größte erhaltene Kaisergarten und wurde von der UNESCO bereits 1994 als Weltkulturerbe gelistet. Zwischen 1703 und 1792 errichteten kaiserliche Handwerker hier eine Anlage aus Palästen, Tempeln unterschiedlichster Architekturstile und Gärten, die harmonisch in eine Landschaft aus Seen, Weideland und Wäldern eingebettet sind. Anders als der eher formell-repräsentative Sommerpalast diente Chengde den Kaisern der Qing-Dynastie explizit als Rückzugsort vor der sommerlichen Hitze Pekings – ein interessanter Kontrast: der eine Garten als Bühne kaiserlicher Macht in der Hauptstadt, der andere als privater, naturnaher Fluchtpunkt davon.
Ein Kapitel, das zur Gartengeschichte Pekings dazugehört
Wer sich mit den Kaisergärten Pekings beschäftigt, kommt an einem dunklen Kapitel der Geschichte nicht vorbei: Der Alte Sommerpalast (Yuanmingyuan), einst ein noch prunkvollerer Kaisergarten als der heute besuchte Sommerpalast, wurde im Oktober 1860 am Ende des Zweiten Opiumkriegs von britischen und französischen Truppen systematisch geplündert und anschließend absichtlich niedergebrannt. Er wurde nie wiederaufgebaut und ist bis heute eine Ruinenlandschaft.
Nach seriösen historischen Schätzungen gingen dabei über eine Million Kunst- und Kulturobjekte verloren, die seither in europäischen und amerikanischen Museen sowie Privatsammlungen verstreut sind. Auch der von unseren Gästen besuchte „Neue Sommerpalast" (Yihe Yuan) blieb von den Ereignissen nicht verschont: Auch er wurde 1860 in Mitleidenschaft gezogen und 1900 während des Boxeraufstands ein weiteres Mal beschädigt. Die heute zu besichtigende, UNESCO-gelistete Anlage ist somit eine spätere Rekonstruktion aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Diese Ereignisse gelten – auch in der westlichen Geschichtsschreibung – als eines der einschneidendsten Beispiele kultureller Zerstörung des Kolonialzeitalters und bleiben bis heute Gegenstand internationaler Debatten über Restitution und Provenienz. Wer den Sommerpalast besucht, erlebt damit nicht nur kaiserliche Gartenkunst, sondern auch ein Stück Weltgeschichte, das sich nicht ausblenden lässt.
Die Stadt als Garten: wenn Natur und Alltag verschmelzen
Nicht jede beeindruckende Grünanlage Chinas folgt den strengen Regeln der klassischen Gartenkunst – manche verschmelzen stattdessen so sehr mit der Stadt und ihrer Landschaft, dass die Grenze zwischen „Park" und „Naturraum" fließend wird. Das prominenteste Beispiel ist der Westsee in Hangzhou: Die Westsee-Kulturlandschaft, bestehend aus dem See und den ihn auf drei Seiten umgebenden Hügeln, inspiriert seit dem 9. Jahrhundert Dichter, Gelehrte und Künstler und umfasst zahlreiche Tempel, Pagoden, Pavillons, Gärten und Ziergehölze sowie Dämme und künstliche Inseln. 2011 wurde die Landschaft von der UNESCO als außergewöhnliches Beispiel einer Kulturlandschaft anerkannt, die die chinesische Philosophie und Ästhetik widerspiegelt und die Gartenkunst in China und darüber hinaus maßgeblich geprägt hat. Hangzhou zeigt damit eindrücklich: Manchmal ist nicht der einzelne Garten das Kunstwerk, sondern die ganze Stadt drumherum.
Einen ganz ähnlichen Eindruck habe ich selbst im Yuexiu-Park in Guangzhou gewonnen. Der Park liegt auf dem Yuexiu-Hügel, der bereits seit der Qin-Dynastie (221–206 v. Chr.) als bedeutender Aussichtspunkt der Stadt gilt, und ist mit seinen sieben Hügeln und drei künstlichen Seen die größte Parkanlage der Stadt. Was mich dabei besonders beeindruckt hat: Der Park ist förmlich in den Berg hineingebaut, statt neben ihm zu liegen – Wege, Pavillons und sogar ein Stadion schmiegen sich so an das Gelände, dass Park und Landschaft eins werden, anstatt nebeneinander zu existieren. Das ist kein klassischer Gelehrtengarten im Suzhou-Sinne, sondern etwas anderes: eine Stadt, die ihre Topografie zum Park gemacht hat, statt einen Park in die Stadt zu quetschen.
Eine vergleichbare Verschmelzung, nur mit umgekehrten Vorzeichen, erlebte ich im Laoyuhe-Feuchtgebietspark in Kunming, am Ostufer des Dianchi-Sees. Wo früher großflächige Landgewinnung Feuchtgebiete in Fischteiche und Ackerland verwandelte und die Selbstreinigungskraft des Sees schwächte, ist in den vergangenen Jahren durch ökologische Wiederherstellungsprojekte ein geschlossener Grüngürtel entlang der Uferzone entstanden. Was diesen Park für mich so besonders gemacht hat, war das eigenartige Zusammenspiel zweier Landschaftstypen, die eigentlich nicht zueinander passen sollten: Tausende Sumpfzypressen stehen im flachen Wasser wie ein „Wasserwald", durch den Vögel fliegen und Fische schwimmen – gleichzeitig erinnert der weite, offene Blick über den See mit seinen sanften Wellen fast an eine Meeresküste. Sumpflandschaft und Küstenlandschaft in einem Bild: ein Park, der beweist, dass Chinas Gartenkunst nicht nur in Jahrhunderte alten Anlagen steckt, sondern auch in ganz moderner, ökologisch motivierter Landschaftsgestaltung.
Chengdu: Parks als gelebter Alltag
Einen weiteren, deutlich unaufgeregteren Zugang zum Thema Park bietet Chengdu in der Provinz Sichuan. Mit dem Beinamen „Gartenstadt am Fuß der Schneeberge" verwundert es kaum, dass die Stadt zahlreiche Parks und Gärten bietet, jeder für sich schön anzusehen. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die kunsthistorische Bedeutung als vielmehr die Alltagskultur: Der Volkspark, seit seiner Eröffnung 1911 ein wichtiger Treffpunkt der Stadt, lädt mit seinem von Weiden gesäumten See zum Bootfahren ein, und in den zahlreichen Teehäusern lässt es sich stundenlang bei Tai-Chi-Übungen, Musik und Gesellschaftsspielen verweilen. Genau diese Verbindung aus Park, Teehaus und Feuertopf erleben auch unsere Gäste auf der Reise „Chinas spektakuläre Schätze", die Chengdu als Station auf dem Weg von der Yangtze-Kreuzfahrt zu den Terrakotta-Kriegern in Xian einbindet.
Ein differenzierter Blick: nicht jeder Park ist ein Kunstwerk
Bei aller Begeisterung lohnt ein ehrlicher Blick auf die Realität: Die allermeisten Parks in chinesischen Großstädten – ob in Peking, Shanghai, Chongqing oder anderswo – sind schlicht gute, gepflegte Naherholungsgebiete für den Alltag der Bewohner, ohne den Anspruch, Kunstwerk zu sein. Als eigenständige Gartenkunst im musealen Sinne gelten dagegen nur wenige, meist UNESCO-gelistete Anlagen wie die klassischen Gärten Suzhous, der Sommerpalast oder das Bergresort Chengde. Wer diese Unterscheidung kennt, plant seinen Besuch realistischer: An den berühmtesten Orten – allen voran den kleinen, empfindlichen Gärten Suzhous – ist mit erheblichem Besucherandrang zu rechnen, besonders an Wochenenden und Feiertagen, während viele der großzügigeren Stadtparks wie Yuexiu oder Laoyuhe deutlich entspannter zu erleben sind.
Gärten und Parks live erleben – mit trendtours durch China
Wer diese Vielfalt selbst entdecken möchte, findet bei uns gleich mehrere Wege dorthin. Auf unserer Reise „Chinas spektakuläre Schätze" besuchen Sie den Neuen Sommerpalast in Peking ebenso wie den Eling-Park in Chongqing und die entspannte Parkkultur Chengdus – eingebettet in eine große Rundreise mit Yangtze-Flusskreuzfahrt. Wer es lieber kontrastreicher mag: Unsere Reise „Tibet – Dach der Welt" zeigt Ihnen, dass China nicht nur kunstvoll gestaltete Gärten, sondern auch grandiose, unberührte Naturlandschaften zu bieten hat – ein bewusster Gegenpol zur gestalteten Gartenkunst des Ostens. Und auf der Reise „China für Entdecker" verbinden Sie einen Shanghai-Aufenthalt mit großem Freiraum in der Reisegestaltung. Einen ersten Überblick über unser gesamtes Angebot an Reisen in die Ferne finden Sie in unserer Kategorie Fernreisen.
Praktische Tipps für Ihren Gartenbesuch
Kleine Wissenswerte für den Gartenbesuch vor Ort
- Früher Vormittag statt Mittagszeit: Viele Einheimische nutzen klassische Gärten und Stadtparks in den frühen Morgenstunden für Tai-Chi und Gesang – wer dann kommt, erlebt die Anlagen ruhiger und authentischer als im touristischen Trubel der Mittagszeit.
- Hanfu-Verleih in Suzhou: An mehreren klassischen Gärten Suzhous können Sie traditionelle Gewänder ausleihen – ein beliebter, aber wenig bekannter Weg, die Gartenkulisse mit einem echten Stück Alltagskultur zu verbinden.
- Jahreszeiten beachten: Die Sumpfzypressen im Laoyuhe-Park in Kunming färben sich im Herbst und Winter rötlich, während im Frühling Tulpenfelder blühen – je nach Reisezeit ergeben sich ganz unterschiedliche Bilder.
- Kleine vs. große Gärten: Die Gärten Suzhous sind auf kurze, konzentrierte Besuche ausgelegt – Sommerpalast oder Chengde dagegen erfordern deutlich mehr Zeit, planen Sie hier ruhig einen halben Tag ein.
| Gartentyp | Beispiele | Besonders geeignet für |
|---|---|---|
| Klassische Gelehrtengärten | Suzhou, Yangzhou | Kunstinteressierte, Fotografie, ruhige Kontemplation |
| Kaiserliche Gärten | Sommerpalast Peking, Bergresort Chengde | Geschichtsinteressierte, große Anlagen mit viel Zeit |
| Stadt als Garten / Naturlandschaft | Westsee Hangzhou, Yuexiu-Park Guangzhou, Laoyuhe-Feuchtgebiet Kunming | Naturfreunde, entspannte Spaziergänge, Fotografie |
| Freizeit- und Alltagsparks | Chengdu (Volkspark & Teehäuser) | Gesellige Reisende, kulinarisch Interessierte, „Slow Travel" |
Fazit: eine Kunstform, die sich immer wieder neu erfindet
Chinas Gärten und Parks lassen sich nicht auf einen einzigen Nenner bringen – und genau das macht ihren Reiz aus. Zwischen den winzigen, jahrhundertealten Gelehrtengärten Suzhous, den überwältigenden Dimensionen des Sommerpalastes und Chengdes, der Verschmelzung von Stadt und Landschaft in Hangzhou, Guangzhou und Kunming sowie der gelebten Teehauskultur Chengdus entfaltet sich ein Panorama, das weit über die klassische Vorstellung eines „chinesischen Gartens" hinausgeht. Wer sich darauf einlässt, entdeckt nicht nur beeindruckende Architektur und Landschaftsgestaltung, sondern auch, wie unterschiedlich die Menschen in China ihre Parks bis heute nutzen – vom stillen Rückzugsort bis zum lebendigen Treffpunkt. Wenn auch Sie diese Vielfalt selbst erleben möchten, werfen Sie gerne einen Blick auf unser Angebot an Fernreisen und lassen sich von unseren deutschsprachigen Reiseleitern durch das Reich der Mitte begleiten.